„Guten Abend, Doña Ximena“, sagte er mit einem grausamen Lächeln. „Ihr Mann hat es gewagt, mich zu beschuldigen. Nun wird er erfahren, was es kostet, sich mir zu widersetzen.“
Sie hob das Kinn.
„Sie sind nichts als ein Feigling.“
Evaristos Lächeln verschwand. Er stand auf, packte sie grob am Arm und zerrte sie aus der Hacienda. Clara schrie auf, doch die Männer brachten sie zum Schweigen.
Evaristo zwang Ximena auf sein schwarzes Pferd und galoppierte zu der Klippe, an der Mariana, Alejandros erste Frau, Jahre zuvor gestorben war.
Der Wind heulte wütend. Evaristo trieb sie an den Rand.
„Alejandro verlor hier seine erste Frau“, sagte er hämisch. „Wollen Sie ein Geheimnis wissen? Sie ist nicht von selbst gestürzt. Ich habe sie gestoßen.“
Ximena spürte, wie ihr das Blut in den Adern gefror.
„Monster …“
„Und jetzt verliert er auch noch seinen zweiten.“
In diesem Moment hörten sie Hufgetrappel. Alejandro erschien mit Wachen. Er war staubbedeckt, sein Gesicht von Angst verzerrt.
„Lasst sie los!“, befahl er.
Evaristo zog ein Messer und drückte Ximena an den Abgrund.
„Noch einen Schritt, und ich werfe sie hinunter.“
Es ging alles blitzschnell. Clara, die es geschafft hatte, ihnen mit einem der Wachen zu folgen, hob einen Stein auf und warf ihn nach Evaristos Hand. Das Messer fiel zu Boden. Ximena riss sich los, und Alejandro rannte auf sie zu. Evaristo versuchte zu fliehen, rutschte aber auf den nassen Steinen aus. Seine Schreie verhallten in der Stille.
Der Schrecken von San Miguel del Río endete an diesem Nachmittag.
Evaristos Männer wurden verhaftet. Die Aussagen gelangten zum Richter, und alle betrügerischen Schulden wurden erlassen. Die Familien erhielten ihr Land, ihre Häuser und ihre Würde zurück. Don Ramón wurde auf der Hacienda willkommen geheißen, nicht als Schuldiger, sondern als reuiger Vater, der gelernt hatte, mit Mut zu lieben.
Monate später wirkte das Anwesen Santa Lucía nicht mehr so kalt. Musik erklang in den Höfen, lächelnde Arbeiter und Kinder spielten durch die Gärten.
Eines Nachmittags, unter einem Baum voller violetter Blüten, saß Alejandro neben Ximena. Sie legte ihre Hand auf ihren runden Bauch.
„Wenn es ein Mädchen wird“, sagte sie zärtlich, „möchte ich sie Mariana nennen.“
Alejandro schloss tief bewegt die Augen.
„Bist du sicher?“
„Ja. Nicht um den Schmerz in Erinnerung zu behalten, sondern der Gerechtigkeit wegen. Auch sie verdient es, im Licht zu leben.“
Alejandro küsste ihre Stirn.
„Dann soll sie Mariana heißen.“
Ximena lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Sie war nicht länger das Mädchen, das wegen einer unbezahlbaren Schuld weggegeben worden war. Sie war eine Frau, die die Angst überwunden, ihrem Vater vergeben, eine Stadt gerettet und ihre eigene Liebe gewählt hatte.
Und auf dem Anwesen Santa Lucía, wo einst Schatten geherrscht hatten, begann endlich ein Leben in Frieden.
